Musik-Kritiken


Ausgewählte Kritiken aus 4 Jahrzehnten 

 

Musikkritiken schreibt Dagmar Braunschweig-Pauli M.A. seit 1975.

 

2015: Cover-Text zur neuen CD des Trierer Pianisten Klauspeter Bungert mit Klaviermusik von César Franck. 

 

Es folgt das vollständig eingescannte Cover der genannten CD von Klauspeter Bungert mit Klavierwerken von César Franck.

Klauspeter Bungert umbaut mit César Francks teils orchestralen, teils an die

Manuale einer Orgel erinnernden Klavierwerken Präludium, Aria und Finale

(1886) und Präludium, Choral und Fuge (1884) in einer Art ,,Klangkathedrale"

wie schützend die beiden filigranen, melodisch und harmonisch schlichten

Einzelstücke Der Puppe Klagelied (1865) und Langsamer Tanz (1885). Beide

liedartigen Kompositionen verklingen fast wie ein Hauch im Pianissimo. Vorausgehendes

Präludium mit Aria und Finale und nachfolgendes Präludium

mit Choral und Fuge nehmen die barocken Formen Präludium, Fuge, Choral,

Choralvariation und Passacaglia und ihre kontrapunktische Stimmenverarbeitung

wieder auf. Aber César Franck verbindet mit der polyphonen Satztechnik

gleichzeitig hoch expressive Harmonik, weit ausholende Melodik, improvisatorisch

fließende Rhythmen und monumentale Klangräume und entwickelt

daraus seine eigene Kompositionstechnik.

Klauspeter Bungert ist einer der wenigen Pianisten die sich dieser anspruchsvollen

orchestralen Klavierkompositionen annehmen und sie mit Leichtigkeit

meistern. Kraftvoll und zugleich bis fast ins Unhörbare sensibel im Anschlag

läßt er suggestive Klangfarben mit geradezu meditativer Wirkung entstehen.

Alfred Cortot (1877-1962), einer der bedeutendsten französischen Pianisten

nennt die Aria in einer Werk-Ausgabe ,,wie vom Himmel gefallen" (,,tombée

du ciel"). So empfindet man auch Klauspeter Bungerts Interpretation, die dem

Zuhörer eine Vorstellung vermittelt von etwas, das nicht ganz von dieser Welt

zu sein scheint. An anderer Stelle meint Cortot, daß die schwer realisierbare

instrumentale Gestalt dieser Kompositionen ,,nur einem sensiblen Anschlagskünstler

und feinhörigen Musiker gelingen" könne.

César (Auguste Jean Guillaume Hubert) Franck (1822-1890) ist ein belgisch-französischer

Komponist und Organist der Spätromantik. Viele seiner Hauptwerke,

zu denen die beiden genannten Klavierzyklen gehören, entstanden erst

in seinen letzten Lebensjahren. So auch sein Streichquartett in D-Dur.

Er vollendete es nur wenige Monate vor seinem überraschenden Tode 1890.

Als Streichquartett wurde dem Werk, wahrscheinlich auch wegen der technisch

fast unüberwindlichen Hürden, bis heute keine nennenswerte Aufmerksamkeit

zuteil. Allerdings führte die vor gut 40 ]ahren einsetzende Begeisterung

des damals noch jugendlichen Pianisten für das Schaffen César Francks

dazu, daß Klauspeter Bungert sich auch mit diesem großen Spätwerk Francks

immer wieder beschäftigte.

Ab den 1990er ]ahren arbeitete er an Transkriptionen des Streichquartetts. Zuerst

an einer Fassung als Sinfonie für großes Orchester, danach als Klaviersonate,

wie sie auf der vorliegenden Einspielung - nach etlichen, durchweg

begeistert aufgenommenen Aufführungen seit 2011, - zu hören ist.

Bei der Arbeit an der Transkription hielt sich Bungert, wie er selber seine Arbeitsweise

beschreibt, ,,peinlich genau an Francks Vorlage ..." .Er habe ,,für die

Passagen, die mit zwei Händen selbst bei großer Daumen-Kleinfinger-Spanne

auf der Tastatur nicht greifbar sind, Ersatzlösungen gesucht und die nötigen

Oktavverlegungen stets so positioniert, daß der Sinn und Einzelstimmenverlauf

unbeschädigt blieben. Ganz im Sinne der vollgriffigen Klaviersätze

Franckscher Originalkompositionen habe ich außerdem manche Bässe nach

unten oktaviert oder auch verdoppelt und das Klangspektrum bis in die tiefste

Klavieroktav erweitert. "

Bungert schafft von den ersten Akkorden an eine monumentale Klangarchitektur

von überdimensionierter Leuchtkraft, gepaart mit hoher Sensibilität,

explosiver Emotionalität und technischer Perfektion.

Die ebenfalls gigantische Aufführungsdauer von fast 70 Minuten wird von

großer Spannung getragen und vom atemlos konzentrierten Zuhörer kaum

als solche realisiert.

Klauspeter Bungert gelingt tatsächlich, was Cortot für die Interpretation

Franckscher Werke fordert: ,,Der Enthusiasmus des Vortragenden muß ... bis

zum letzten Takt unvermindert anhalten".

Klauspeter Bungert hat die CDs am 9. und 10. Juli auf einem Grotrian Steinweg-

Konzertflügel im Musikhaus Reisser in Trier eingespielt.

Literatur: Werkstudie von Klauspeter Bungert: César Franck - die Musik und das

Denken, Frankfurt -Bern 1996, erw. Online-Neuauflage Trier 2013.

Dagmar Braunschweig-Pauli M.A.


Klauspeter Bungert lebt als Musiker, Autor, César Franck- und Conrad Ferdinand

Meyer-Forscher in Trier.

Einspielungen seltenen Repertoires mit Klavier und Orgel beim Musikkreis

Springiersbach . Verfasser von Theaterstücken, Erzählungen, Essays, Gedichten.

Autor im CANTUS-Theaterverlag seit 2010 . Herausgeber der ersten Audioausgabe

von Conrad Ferdinand Meyers Gesamtwerk auf 5 MP3-CDs 2008 .

Romanveröffentlichung Interview und vierbändige Dramenausgabe im Verlag

28 Eichen 2015 . Essays über Die Hochzeit des Mönchs und Der Heilige für den

Sinus-Hörbuchverlag. Uraufführung der Klaviertranskription des Streichquartetts

von César Franck 2011. www.klauspeterbungert.de


Dagmar Braunschweig-Pauli schloß ihr Magisterstudium in Musikwissenschaft

1984 mit der vielbeachteten Arbeit Studien zum sogenannten Codex St. Emmeram

ab. Heute lebt sie als Medizinjournalistin und Sachbuchautorin in Trier.

Sie hat zwei Kinderbücher geschrieben.

www.dagmarbraunschweigpauli.jimdo.com


Für das Zustandekommen dieser DoppeI-CD seien bedankt:

Dr. C. und M. Hochdörffer Stiftung, Barteldesplatz 2, 01309 Dresden.

Georg Kern - Musikhaus Reisser, Tier. Gerd Vockensperger, Bengel .

Ute Bungert. Wendelin Caspers, Trier. Prof. Dr. Dieter Rückle, Schöndorf .


 

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1991: Rezension des Symposions "Liturgische und geistliche Musik des 20. Jahrhunderts" zu Ehren von Prof. Dr. Günther Massenkeil am 16. März 1991 im Collegium Albertinum, Bonn.


In: MUSIC SACRA, Zeitschrift des Allgemeinen

Cäcilien-Verbandes

für Deutschland

111. Jahrgang - Heft 3

Mai/Juni 1991, S. 225f.

 

Liturgische und geistliche Musik des 20. ,Jahrhunderts

Symposion zum Geburtstag von Prof. Massenkeil

 

Unter diesem Thema fand am 16. März dieses Jahres ein Symposion im Collegium Albertinum

in Bonn statt, zu Ehren von Prof. Dr. Günther Massenkeil, der am 11. März sein 65.

Lebensjahr vollendet hatte und damit gleichzeitig als Universitätslehrer entpflichtet worden

war. Dieses Symposion wurde veranstaltet vom Musikwissenschaftlichen Seminar der

Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn gemeinsam mit dem Collegium Albertinum

Bonn, dem Allgemeinen Cäcilienverband und dem Referat für Liturgie und Kirchenmusik

des Erzbistums Köln, und es bestand aus 7 Vorträgen mit abschließendem Kirchenkonzert,

denen zusammengenommen die Synthese gelungen war, ein kontrastreiches

Bild der Kirchenmusik unseres Jahrhunderts zu entwerfen.

Günther Massenkeil war 25 Jahre lang Ordinarius und Direktor des Musikwissenschaftlichen

Seminars in Bonn, 2 Jahre lang leitete er interimistisch das Bonner Beethovenarchiv,

und nach wie vor ist er der Kuratoriumsvorsitzende des Max-Reger-lnstitutes in Bonn

und Schriftleiter des Kirchenmusikalischen Jahrbuches.

Ein Vierteljahrhundert lnstitutsleiter Massenkeil, das bedeutete neben allen wissenschaftlichen Tätigkeiten eine unverwechselbare Atmosphäre großzügiger Gelassenheit

und humorvoller Toleranz, der sich weder Kollege noch Student entziehen konnte.

Deshalb geriet diese wissenschaftliche Feier gleichsam als Echo auf das, was er als

Wissenschaftler gelehrt, als Konzertsänger (Baß-Bariton) zu Gehör gebracht, und Kraft

seiner Persönlichkeit bewirkt hatte, denn Kollegen und ehemalige Doktoranden wechselten

sich ab in ihren Beiträgen und in ihrer Mitwirkung.

Zwei Vorträge befaßten sich mit den beiden Grundbedingugnen der Kirchenmusik. Albert

Gerhards (Bonn) erörterte in seinem Referat ,,Liturgisch-geistliche Wandlungen und

Entwicklungen im 20. Jahrhundert" den Spielraum, den die katholische Theologie der Liturgie

und den mit ihr verbundenen musikalischen Ausdrucksformen einräumt.

Helmut Loos (Bonn) distanzierte die Kirchenmusik grundsätzlich von der absoluten

Kunstmusik (,,Uber die Unvereinbarkeit von Kunst- und Kirchenmusik im 20. Jahrhundert"),

da jene zuerst und hauptsächlich dem theologischen Anspruch zu genügen habe

und in Rechnung ziehen müsse, zu welchem Zweck und für wen sie geschaffen werde.

Musik, für die diese Gesichtspunkte verbindlich seien, könne sich nicht gleichzeitig als

Kunstmusik verstehen und den Anspruch erheben, absolut sein zu können. Als Dank an

den Kuratoriumsvorsitzenden und den Doktorvater verstanden sich Susanne Popps (geschäfsführende Leiterin des Max-Reger-lnstitutes) Ausführungen zu Max Regers

Eichendorff-Vertonung ,,Der Einsiedler" (,,Melancholische Konfessionen für Kirche und

Konzertsaal").

Gewiß eine Entdeckung für die meisten Zuhörer war ihr Bekanntwerden mit einem bislang

fast völlig unbekannt gebliebenen Komponisten: dem Esten Arvo Pärt (* 1935). Kurt

von Fischer (Zürich) stellte seinen Kompositionsstil an hand charakteristischer Beispiele

aus dessen Johannespassion vor: seine an Gregorianik erinnernde Melodik im Zusammenhang mit Dreiklangsharmonien und den ungewöhnlichen Tintinnabula-Klängen (=

Glockengeläut nachahmend). Es ist eine strenge, faszinierende Musik, die aus den Worten

(Text der Vulgata) herauszuwachsen scheint, und der eine zwingende Zielstrebigkeit

und große lntensität innewohnt.

Zwei weiteren Beiträgen zur katholischen Kirchenmusik, von Hubert Unverricht (Eichstätt)

über Pendereckis ,,Stabat Mater" und von Manfred Schuler (Mainz) zu Pendereckis

traditionellen Satztechniken am Beispiel von dessen Lukaspassion, standen Emil Platens

(Bonn) Ausführungen über die evangelische Kirchenmusik um 1950 gegenüber.

Er erinnerte an Johannes Driessler (* 1921), in dessen umfangreichem Werk die kirchenmusikalischen Kompositionen einen hohen Rang einnehmen, dessen Bekanntheitsgrad und Anerkennung sich aber seit den fünfziger Jahren zu Unrecht vermindert habe.

Alle genannten Vorträge, die eine bedeutende Zusammenfassung der zeitgenössischen

Kirchenmusik bedeuten und darüber hinaus Neues und Beachtenswertes vorstellen, werden

in den folgenden Jahrgängen des Kirchenmusikalischen Jahrbuches veröffentlicht

werden.

Höhepunkte und Abrundung des Symposions war das Kirchenkonzert in der Kapelle

des Collegium Albertinums.

Und worüber vorher zum Teil gesprochen worden war, und worüber nicht gesprochen

werden konnte, weil man Musik hören muß, um sie vollends verstehen zu können, das

wurde deutlich durch die Orgelwerke (gespielt von Wolfgang Bretschneider) und die acappella-Sätze (gesungen vom Figuralchor Köln unter der Leitung von Richard Mailänder),

die den verschiedensten Kompositionstechniken unseres Jahrhunderts verhaftet

waren.

Außerordentliche Gestaltungskraft und Virtuosität der Musiker gaben den Werken von

u. a. Arvo Pärt, Petr Eben, Rudolf Mauersberger und Josef Swider, um nur einige zu nennen,

Plastizität und Farbe und lnnerlichkeit. Es war unüberhörbar, daß die noch manchmal

geschmähte oder zumindest geringer geachtete zeitgenössische Kirchenmusik eine Differenziertheit und Ausdruckskraft besitzt, die es zu suchen und zu finden lohnt. Professor

Massenkeil bekundete seine Freude darüber, daß das Thema dieses Symposions die Kirchenmusik des 20. Jahrhunderts gewesen sei, über die er bisher nicht gearbeitet habe.

Grundlegende Forschungsarbeit leistete er auf dem Gebiet der kirchlichen und geistlichen

Musik des 16. bis 19. Jahrhunderts. Einen größeren Bekanntheitsgrad auch unter

Musikfreunden erwarb er sich durch das im Herder-Verlag erschienene Nachschlagewerk

,,Das große Lexikon der Musik", für dessen deutsche Ausgabe er der verantwortliche Herausgeber war. Jetzt, als Emeritus, plant er eine umfassende Geschichte des Oratoriums.

Dagmar Braunschweig-Pauli


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1991: Wissenschaftlicher Kommentar von Dagmar Braunschweig-Pauli über die Musik der Trierer Marienklage und des Trierer Osterspiels, Codex 1973/63 der Stadtbibliothek Trier, in der Ausgabe  von Andreas Traub.

 

In: Kurtrierisches Jb. 31, 1991, S. 75-82.


Auszug aus: Zur Musik der Trierer Marienklage und des Trierer Osterspiels

Anmerkungen zur Ausgabe von Andreas Traub

von Dagmar Braunschweig-Pauli

"...

Erfreulicherweise haben Text und Musik dieser Handschrift  in jüngster Zeit erneut wissenschaftliche Aufmerksamkeit gefunden, und zwar zunächst in zwei Aufsätzen" - Anm. 5 - "zweier Verfasser, die nun gemeinsam mit einer kommentierten Ausgabe von Text

und Musik hervorgetreten sind. Unsere folgenden Anmerkungen gelten im

wesentlichen nur dem musikwissenschaftlichen Teil dieser Ausgabe und wollen als ,,erste Reaktion" verstanden sein.

Nach einem im Mittelalter häufig zitierten Satz des griechischen Philosophen

Aristoteles führt ein kleiner Irrtum am Anfang am Ende oft zu den

größten Schwierigkeiten: Parvus error in principio magnus est infine. Andreas

Traub, der für den musikalischen Teil der hier zu besprechenden Edition

verantwortlich ist, bekannte in seinem zwei Jahre zuvor veröffentlichten

Aufsatz zum gleichen Gegenstand," - Anm. 6 - "er sei der ehrenvollen Aufforderung,

Marienklage und Osterspiel in einer interdisziplinären Untersuchung zu bearbeiten,

gern nachgekommen, obwohl er sich ,,für diesen Bereich mittelalterlicher

Musikgeschichte nicht besonders kompetent" wisse. Zum Reichtum der

mittelalterlichen Musik gibt es aber keinen Zugang, der an der engen Eingangspforte

der historischen Methode und zuverlässig beherrschter handwerklicher

Vorkenntnisse vorbeiführt. Die Folgen können sonst für den, der

eine solche Beschäftigung wagt, und für die Wissenschaft fatal sein. Leider ist

es so im vorliegenden Fall.

Es ist mir nicht angenehm, das im folgenden verdeutlichen zu müssen. 

...

l. Zur Notationsart der Trierer Quelle

 

,,Die Melodien sind in Metzer Neumen auf einem System von fünf Linien

mit C- und F-Schlüssel aufgezeichnet", so bemerkt A. Traub auf Seite 17 

...

Mit anderen Worten: Nach Stäbleins Grundsätzen - und damit stimmt

völlig überein. was man zum Beispiel in J. Wolfs ,,Handbuch der Notationskunde-

finden kann" - Anm. 8  "- handelt es sich bei der Notation der Trierer Marienklage

und des Trierer Osterspiels um die Hufnagelnotation, und das bestätigt

sich, wenn man diese Notation zur Übertragungsgrundlage macht: Unsere

Quelle bietet in Text und Noten eine äußerst sorgfältige Niederschrift, bei der

die im Vergleich zum Umfang wenigen Fehler noch zumeist vom Schreiber

selbst korrigiert werden.

 

2. Zu vermeintlichen Unstimmigkeiten im Text- und Melodiegefüge

 

Daß eine Fehlbestimmung der Notationsart von erheblichen Folgen ist,

zeigt sich am augenfälligsten dann, wenn der Interpret durch sie auf Unstimmigkeiten

geführt wird und sich dann keinen anderen Ausweg weiß, als diese

der Quelle anzulasten.

...

 

Fassen wir unsere Beobachtungen zusammen:

 

Die Handschrift 1973/63 der Stadtbibliothek Trier zeigt ein ausgeglichenes

Schriftbild. Ganz sicher ist sie in einem Zuge geschrieben worden, aber mit

Sorgfalt und dem sicheren Blick für die optische Gliederung des Textes durch

konsequente Rubrizierung der "Regieanweisungen". Obwohi es sich um eine

reine Gebrauchshandschrift handelt - der ordentlich nachgetragene Hymnus

im Osterspiel auf Pagina 23 zeigt es - hat sich der Initialenschreiber nicht

die Freude am kleinen Detail nehmen lassen. Die Sorgfalt, die sich in dieser

Weise äußerlich kundtut, wird bei einer musikalischen Interpretation in nahezu-

jeder Einzelheit der Aufführung bestätigt. Marienklage und Osterspiel sind

- anders, als man es aus der hier besprochenen Edition erfahren kann - in

Wirklichkeit in der eindringlichen Vertonung des dramatischen Geschehens

ein bemerkenswertes und hörenswertes Beispiel des musikdramatischen geistlichen Spieles des Mittelalters.

 

Anhang zur Edition des Textes durch Ursula Hennig:

Die vermeintliche Sonderlesart "Rickmum"

 

Jeder, der mit Handschriften des späten Mittelalters umgeht, kennt die

Schwierigkeit, die Buchstaben c und t zu unterscheiden. Heißt es ex arte (aus

der Kunst) oder ex arce (aus der Burg), schreibt der Schreiber ratio oder racio?

Die Schwierigkeit vermehrt sich, wenn beide Buchstaben in graphisch ligierten,

konsonantischen Verbindungen auftreten. Die Erfahrung lehrt, hier vom

Üblichen auszugehen und sich nicht zur Annahme von Merkwürdigkeiten

verführen zu lassen.

...

Durch Trierer Marienklage und Osterspiel geistert nun immer noch

Wackenagels Rickmum. ... Warum nicht rickmum? Wir haben immerhin einen sehr ähnlichen etwa zeitgenössischen Beleg, denn in der Brüsseler Handschrift 4587 schrieb Thomas von Kempen eigenhändig über ein von ihm komponiertes Lied: Devotus rigmus (sicl) de vita

Ihesu imitanda. Sicher war der Schreiber dumm und die Vorlage nicht

deutlich! Aber wird der Leser auch in der Marienklage Pagina 11, Zeile 22

harcker cruyczebaum  statt hartter cruytzebaum und im Osterspiel Pagina 26,

Zeile 5 woencken statt woentten lesen?

 

Es lohnt sich, genauer hinzusehen. Man findet dann nämlich genug Beispiele, angesichts derer man rickmum schnell fallenlassen und sich für das einzig richtige und auch übliche rittmum entscheiden wird: in der Marienklage Pagina 15, Zeile 5; Pagina 16, Zeile 6; im Osterspiel Pagina 22, Zeile2. " - Anm. 16

 

"Zur Geschichte und Bedeutung des Ausdrucks Rit(t)mus finden sich wichtige

Bemerkungen bei Ewald Jammers." Anm. 17 "Danach begegnet der Ausdruck zuerst

in der karolingischen Dichtung: ,,Die Ritmi waren anscheinend für den Vortrag

beim Feste bestimmt, außerhalb der kirchlichen Liturgie; es sind oft

Perikopen-Umschreibungen, 'geistliche Gesänge' vom Jüngsten Gericht, von

der Geburt des Herrn, vom Heiligen als Helden . . ."."

 

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5  Ursula Hennig: Trierer Marienklage und Osterspiel. In: Beiträge zur Geschichte der deut-

schen Sprache und Literatur 110 (1988). S. 63-77: Andreas Traub: Zur Musik der Trierer

Marienklage und des Trierer Osterspiels. Ebd. S, 78-100: Der Beitrag U. Hennigs legt zur

Entstehungsgeschichte der Trierer Texte in überzeugender Weise die Vermutung dar, ein

geistlicher Bearbeiter des 15. Jahrhunderts habe umfangreichere Vorlagen in beiden Fällen

in der Weise bearbeitet, daß sie in den Kirchenraum zurückversetzt und erneut im Rahmen

der Karfreitags- bzw. Osterliturgie aufführbar geworden seien. Im Fall der Marienklage

glaubt sie diese Vorlage im erhaltenen (mit der Trierer Marienklage teilweise textidentischen)

Alsfelder Passionsspiel namhaft machen zu können.

6  A. Traub, (wie Anm. 5), S. 78.

8 Johannes Wolf: Handbuch der Notationskunde, I. Teil, Tonschriften des Altertums und des

Mittelalters, Choral und Mensuralnotation (1913), Nachdruck Wiesbaden 1975, hier S.  159ff.

16 Abb. siehe Kurtrierisches Jahrbuch 1990. S. 18.

17 Ewald Jammers: Das mittelalterliche deutsche Epos und die Musik. In: Heidelberger Jahrbücher 1 (1957). S. 31-90. hier: S.63.


Trierischer Volksfreund

Bericht über die Vorstellung des neuen Kurtrierischen Jahrbuches, Samstag, 7. Dezember 1991

Kurtrierisches Jahrbuch

Vorstellung in der Stadbibliothek


Auszug: "Im 31. Jahrgang ist nun das Kurtrierische Jahrbuch erschienen, herausgegeben von der Stadtbibliothek Trier und dem gleichnamigen Verein. Leitender Bibliotheksdirektor Dr. Gunther Franz, Schriftleiter, überreichte das erste Exemplar an Oberbürgermeister Helmut Schroer und skizzierte den Inhalt des umfangreichen Bandes, ... Gunther Franz berichtet über zwei Trierer Handschriften, die nach 47 Jahren wieder von Dresden nach Trier zurückgekehrt sind. Sie enthalten die Trierer Marienklage und ein Trierer Osterspiel, das im nächsten Jahr aufgeführt werden soll, sowie ein- und mehrstimmige Lieder, deren fundierte musikwissenschaftliche Untersuchung von Dagmar Braunschweig-Pauli sich anschließt...."



Rezension von Ralph Plate, Trier, zu ihren Anmerkungen zur Ausgabe der Musik der Trierer Marienklage und des Trierer Osterspiels von Andreas Traub.

 

Germanistik. Internationales Referatenorgan mit bibliographischen Hinweisen, 33. Jg. 1992, 3/4 , Trierer Marienklage, Rezensent: Ralf Plate, Trier. 

6108 Trierer Marienklage und Osterspiel. Codex 1973/63 der Stadtbibliothek Trier. Hrsg. von Ursula Hennig (Text) und Andreas Traub (Melodien).- Göppingen: Kümmerle 1990, 77 S.; zahlr. III (Litterae.91) DM 92,-

Zitat: "Der Melodien-Teil der Ausgabe ist von D. Braunschweig-Pauli (vgl. 6110) einer eingehenden Kritik unterzogen worden (Fehlbestimmung der Notationsart, unnötige Eingriffe in die Überlieferung, nicht nachvollziehbare Übertragungsmethode)."

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