Musikwissenschaft

Dagmar Braunschweig-Pauli M.A. 1983 als frischgebackene "Magistra" mit ihrer gedruckten Magisterarbeit in Regensburg vor dem heutigen Schloß Emmeram, dem ehemaligen Benediktinerkloster St. Emmeram. In ihm lebte im 15. Jahrhundert der Emmeramer Schulrektor Magister Hermann Pötzlinger, der erstmals von Dagmar Braunschweig-Pauli 1981als der Besitzer des bis dahin anonymen Codex St. Emmeram identifiziert wurde. Ihre intensiven Recherchen in verschiedenen bayerischen Staats- und Klosterbibliotheken in einer offensichtlich nur von ihr angewandten ungewöhnlichen wissenschaftlichen  Vorgehensweise ließen sie Quellen entdecken, die die Zuordnung einiger von Pötzlingers Lebensstationen zu den bis dato anonymen Musikstücken von ebenfalls unbekannten Komponisten im Codex ermöglichten. 

Kollegen meinten, da sei ihr geradezu eine Art musikwissenschaftlicher Krimi gelungen. Denn so aussagefähige - zitierfähige! -  Quellen über die Lebensabschnitte eines Musikers im 15. Jahrhundert einschließlich seiner Freunde mit wiederum deren Kompositionen zu finden und zu einer echten Vita zusammenzufügen, die die Entstehung einer bis dahin undatierten und in vielen Teilen rätselhaften Handschrift erklären kann, ist neben der wissenschaftlichen auch schon fast eine detektivische Leistung. Jedenfalls: die jahrelange Recherche ab 1978  in Bibliotheken, Bibliothekskellern und Archiven hat ihr große Freude gemacht, weil sie sie ja in klitzekleinen, aber erkennbaren Schritten zum Erfolg geführt hat!

Als sie mit ihrem Mann einmal in Regenburg vor der Alten Kapelle, Pötzlingers von ihr entdeckter weiterer Wirkungsstätte, stand, witzelte er: "Wenn man dich so über deinen Pötzlinger und seine Freunde reden hört, könnte man meinen, du wärst dabei gewesen."

Aus: Kirchenmusikalisches Jahrbuch, 1982, 66. Jahrgang, S. 1 - 48.

"STUDIEN ZUM SOGENANNTEN CODEX ST. EMMERAM*

ENTSTEHUNG, DATIERUNG UND BESITZER DER

HANDSCHRIFT MÜNCHEN, BAYERISCHE STAATS-

BIBLIOTHEK, Clm 14274 (Olim Mus. ms.3232 a)

 

DAGMAR BRAUNSCHWEIG-PAULI. BONN

 

1. Gegenstand und Vorhaben

Der sogenannte Codex St. Emmeram ist eine Sammelhandschrift, die in 276 mensuralnotierten Stücken ein weitgespanntes Bild der lirurgischen, geistlichen und weltlichen Musikpraxis des 15. Jahrhunderts darbietet. Die Handschrift enthält weder einen Besitzervermerk noch eine Datumsangabe. Daß sie im 15. Jahrhundert entstanden ist, geben lediglich äußere und inhaltliche Merkmale zu erkennen.

Das Verdienst, diesen Mensuralkodex in der Bayerischen Staatsbibliothek in München entdeckt und ihn 1927 in einem grundlegenden Aufsatz behandelt zu haben, gebührt Karl Dèzes1. Das dem Aufsatz beigefügte thematische Verzeichnis machte den Inhalt des Codex erstmals zugänglich. Dèzes erkannte die Bedeutung dieser Musikquelle des 15. Jahrhunderts und ordnete sie als Bindeglied zwischen ,,Ars nova" und der beginnenden burgundisch-niederländischen Epoche ein. Seine Ergebnisse sind von hohem wissenschaftlichem Rang und in vielem bis heute gültig.

Es entsprach dem erschließenden Charakter dieses Aufsatzes, daß Dèzes hinsichtlich der Satz-

technik, Melodik, Rhythmik und des Klanges beispielhafte Hinweise wagte, obwohl die quel-

lenkundliche Grundlage, um eine stilkritische Untersuchung auf breiterer Ebene zu führen,

noch nicht gegeben war. Daß die zeitliche und inhaltliche Differenziertheit des Repertoires eine solche Grundlegung notwendig macht, wurde bereits Dèzes deutlich. Er sah sich jedoch nicht in der Lage, in ihr zu mehr als vorläufigen Ergebnissen zu kommen. Es ist das Ziel der vorliegenden Studie, in Anlehnung an die von Dèzes aufgeworfenen Fragen zu einer solchen quellenkundlichen Grundlegung beizutragen.

So ist zu untersuchen, ob der Herkunftsort Regensburg, wie Dèzes es annahm, auch der Ur-

sprungsort der Handschrift ist 2 . Zu klären ist ferner, ob der von Dèzes geschätzte Entstehungszeitraum, die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts, noch präzisiert werden kann. Sodann ist der Frage nachzugehen, in welchem Maß der Inhalt und der hohe Anteil von Werken bisher unbekannter Komponisten Aufschluß über eine bestimmte Entstehungsumgebung gibt.

-------------------------

Der vorliegende Beitrag (vgl. auch die Zusammenfassung im letzten Jahrgang dieser Zeitschrift, S. 1-5) wurde im April 1983 von der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn als Magisterarbeit angenommen.

Herrn Professor Dr. Martin Staehelin, jetzt Göttingen, bin ich für die außerordentliche

Förderung meiner Nachforschungen zu herzlichem Dank verpfiichtet. Während der Drucklegung erschien ein Aufsatz von Ian Rumboldt (in: Early Music History 2119821, S. 161-235), der hinsichtlich der Person des Besitzers der Hs. Emmeram zum gleichen Ergebnis kommt, allerdings ohne seinen Forschungsgang darzulegen. Ich werde auf diesen Aufsatz an anderer Stelle eingehen.

1.  Vgl. K. Dèzes, Der Mensuralkodex des Benediktinerklosters Sancti Emmerami zu Regensburg, in: Zeitschrift für Musikwissenschaft 10 (1927/28), S. 65-105.

2.  Die deutsche Herkunft der Handschrift sah Dèzes (Mensuralkodex St. Emmeram, S. 66, Anm. 2) durch ,,zahlreiche Hufnagelneumierungen" belegt. Auf den engeren Entstehungsbereich Bayern verwies seiner Meinung nach die Textänderung ,,dux beatus" statt,,rex Sigismundus" in der Dufay-Motette ,,Supremum est mortalibus" auf fol. 101. Er glaubte daraufhin, den Auffindungsort Regensburg bis zum Erweis des Gegenteils als Ursprungsort der Handschrift annehmen zu dürfen."

Hinweis: Ein Sonderdruck der "Studien zum sogenannten Codex St. Emmeram" ist geplant.