Zeitgeschichte


buchbesprechungen

 


1998: Rezension von Dagmar Braunschweig-Pauli M.A. über eine der wichtigsten Dokumentationen über die Medizinverbrechen der NS-Zeit.

 

Rezension: Ernst Klee, Auschwitz. Die NS-Medizin und ihre Opfer. Frankfurt a.Main (S. Fischer-Verlag) 1997, In: Zeitschrift für medizinische Ehtik. 44. Jahrgang 1998, Heft 1, S. 78-80.

 

Das hier zu besprechende Buch gehört zu denen, die man nicht aus der Hand legt, bevor man sie betroffen und beschämt, beklommen und mit wachsendem Zorn zuende gelesen hat. Betroffen und beschämt, weil, auch wer sich für gut informiert hielt, hier so viel erfährt, von dem er noch nichts gewußt hat; mit wachsendem Zorn, weil er liest, wie viele der hier Entlarvten nach dem Krieg bis in die jüngste Vergangenheit hinein wieder zu höchsten Ehren gekommen sind; und beklommen, weil man anhand der Lektüre begreift – und das ist die eigentliche Botschaft dieses Buches - , daß die Welt nicht so ist, daß uns die Gefahren, die dieses Buch beschwört, nicht heute noch jeden Tag wieder einholen könnten. Auschwitz liefert das Titelstichwort, wird aber nicht isoliert, sondern als Inbegriff all jener Orte behandelt, an denen im Namen der uneingeschränkten Forschung Menschen gefoltert und zu Tode gebracht wurden. Denn der Hauptgrundsatz der NS-Medizin und ihr eigentliches geistiges Grundübel war, so Klee: „Forscher dürfen alles.“ Die medizinische Forschung sämtlicher Wissenschaftsbereiche (Universität, Forschungsinstitute, Pharmaindustrie) ergriff die weltweit einmalige Chance, „statt Meerschweinchen, Laborratten und Versuchskaninchen … Menschen massenhaft zu Versuchszwecken zu benutzen.“ „Ihr Verbrauch für die Forschung wird als nützlich für die Gesundheit kommender Generationen gerechtfertigt.“ Das Personenregister des Buches liest sich wie ein „Who is who“ der deutschen Medizin-Elite, bestürzenderweise auch der noch gegenwärtigen, denn viele der „jungen Gelehrten, die mit fast fanatischem Eifer gänzlich uneigennützig ihrem Forschertrieb folgten,“ begannen ihre Karriere erst nach 1945: z.B. Hans Sachs (SS-Hauptsturmführer und leitender Pathologe beim Reichsarzt SS) als Prof. für Gerichtsmedizin an der Universität Münster; Egon Freiherr von Eickstedt (Autor von „Rassenkunde und Rassengeschichte der Menschheit“) als Ordinarius für Anthropologie in Mainz. Hans Nachtsheim (Unterdruck-Versuche mit Kindern) wird 1955 das große Bundesverdienstkreuz verliehen, 1958 wird er Mitglied des Bundesgesundheitsrates; Hygieniker Hermann Eyer wird Ordinarius für Hygiene in Bonn und später in München sowie Direktor des angesehenen Max v. Pettenkofer-Institutes und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie. Die an Menschen gewonnenen Forschungsergebnisse werden ab 1945 in Standardwerken der Allgemeinheit bzw. dem medizinischen Nachwuchs zugänglich gemacht. Georg Schaltenbrand (ab 1953 Vorsitzender des Ärztlichen Beirates der Deutschen Multiple Sklerose-Gesellschaft), der Patienten mit Multipler Sklerose infizierte, indem er ihnen Rückenmarksflüssigkeit von MS- kranken Affen einimpfte, verfaßt 1951 sein Standardwerk „Neurologie. Die Nervenkrankheiten.“Rassehygieniker Otmar Freiherr von Verschuer schreibt die „Genetik des Menschen“ (1954). Lothar Löffler, ehemals Rassenbiologe, später Mitglied der Deutschen Atomkommission, verfaßt den Artikel „Euthanasie“ ausgerechnet für die theologische Enzyklopädie „Die Religion in Geschichte und Gegenwart“ (RGG). Heinrich Berning, der die Hungerwassersucht an russischen Kriegsgefangenen erforschte, veröffentlicht 1949 sein Standardwerk „Die Dystrophie“. Kurt Gutzeit, unter dessen Leitung die Übertragungsversuche von Hepatitis von Mensch zu Mensch erfolgreich durchgeführt wurden, gibt zusammen mit Heinrich Teitge (SS-Arzt) 1954 das Lehrbuch „die Gastroskopie“ heraus.

Die Menschenversuche und die aus ihnen gewonnenen Ergebnisse waren in fachärztlichen Kreisen durchaus bekannt. Auf insgesamt fünf Arbeitstagungen (bis Anfang 1945) der „Beratenden Ärzte“ des Heeres-Sanitätsinspekteurs wurde offen darüber referiert und diskutiert. Anwesend waren Chirurgen, Dermatologen, Hygieniker, Internisten, Psychiater, Pathologen, Pharmakologen, HNO-Ärzte, Ophthalmologen, Röntgenologen, Lungenspezialisten. „Die Mediziner erfahren, daß Versuchspersonen zu Tode gebracht wurden. Keiner protestiert laut, keiner tritt aus Protest aus seinem Amt zurück“. „Von den Koryphäen des Ärztestandes“ wird „jegliche ärztliche Ethik verraten. Das erklärt, warum nach 1945 keinerlei Interesse besteht, Medizinverbrechen von bis dahin unbekanntem Ausmaß aufzuklären.“ Die Nobelpreisträger für Chemie Richard Kuhn und Adolf Butenandt, unter dessen Direktorat Unterdruck-Versuche mit Kindern gemacht wurden, werden Ehrensenator bzw. Ehrenpräsident der Max-Planck-Gesellschaft. Aber es gibt auch internationale Karrieren von NS-Medizinern. Den Luftfahrtmediziner Hubertus Strughold, der an Höhentod-Versuchen beteiligt war, verschlägt es in die USA, wo er zum „Vater der Weltraummedizin“ avanciert.

„Versuchskaninchen“ sind Juden und Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene, politische Häftlinge, Zigeuner und Zwillinge, Männer, Frauen, Kinder, lebende Embryonen. Erforscht werden Impfstoffe gegen Malaria, Tbc, Hepatitis, Fleckfieber, wobei die Versuchsopfer vorher mit den entsprechenden Krankheitserregern „geimpft“ wurden. Oft betrug die Todesrate 100%. Die Prophylaxe, das Lieblingskind der braunen Mediziner, tobte sich als Malariaprophylaxe, Gasprophylaxe, Thyphus- und Fleckfieberprophylaxe und Erbgesundheitsprophylaxe aus. Gerhard Wagner, der erste deutsche Reichsärzteführer 1933: „Unser Ideal … ist der deutsche Volksarzt … der aus seinen rassehygienischen Kenntnissen heraus über dem einzelnen Menschen niemals das Volksganze vergessen wird. Diesem Arzt ist das Vorbeugen wichtiger als das Heilen.“ Wer überlebte, wurde vergast, „abgespritzt“ (durch Phenolspritze ins Herz) oder erschossen. Erforscht wurden Höhentod (Erstickung in der Unterdruckkammer)  und Kältetod (Herztod im Eiswasser), Tod durch Giftgase oder Mangelernährung. In Massen wird verstümmelt und gebrannt, sterilisiert, viviseziert und getötet – eine „Orgie verbrauchender Forschung.“ Wer nicht infolge der Versuche stirbt und danach auch nicht ermordet wird, bleibt lebenslang geschädigt oder wird wahnsinnig. „Die Leiden der Opfer dieser Versuche übersteigen das Vorstellungsvermögen,“ stellt Jahrzehnte später das Münchner Landgericht fest.

Trotzdem: Nur wenige werden zur Rechenschaft gezogen. Nur wenige bekennen sich schuldig, indem sie sich selber richten. Die meisten bereuten und bereuen nichts. Eduard Wirths, KZ-Arzt in Dachau und für seine Krebsversuche berüchtigt, schreibt im Mai 1945 aus der britischen Haft an seine Frau: „Ach, es ist eine so unsagbare schwere Zeit … zumal wir uns mit dem besten Gewissen vor unserem Herrgott und vor den Mensch en verantworten können … Was nur habe ich verbrochen? Ich weiß es wirklich nicht.“

Finanziert wurden die Menschenversuche damals u.a. von verschiedenen Pharmakonzernen und in besonderem Maße von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, deren NS-Vergangenheit Klee ein ganzes Kapitel widmet. Er resümiert: „Auschwitz war die Hölle für die Häftlinge und der Himmel für die Forschung, die sich hemmungslos des „Menschenmaterials“ bediente.“

Dagmar Braunschweig-Pauli

 

1998: Rezension von Dagmar Braunschweig-Pauli über das erste jüdische Lesebuch "Kinderwelten seit fast 60 Jahren.


Rezension von Dagmar Braunschweig-Pauli von: "Kinderwelten. Ein jüdisches Lesebuch." Hrsg.Alexa Brum, Rachel Heuberger, Manfred Levy, Noemi Staszewski, Dodie Volkersen. Illustr. Ami Blumenthal, Verlag Roma Kovar, 1996, 34,- DM.


" Niemand wird meine Seele zerbrechen"

Beinahe 60 Jahre mußten vergehen, ehe in Deutschland wieder ein jüdisches Lesebuch für Kinder gedruckt wurde, dessen Texte zum Teil auf einen im Sommer 1993 veranstalteten Schreibwettbewerb des Pädagogischen Zentrums der Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland (ZWST) zurückgehen.

Außerdem enthält es Erzählungen und Gesichte und Legenden von Martin Buber, Bella Chagall, Inge Auerbach ("Ich bin ein Stern ... Niemand wird meine Seele zerbrechen.") und Mirjam Pressler. Es ist ein Lesebuch über jüdische Religion und Kultur, den jüdischen Jahreskreis, den jüdischen Alltag, und der Christ, der seine Wurzeln sucht, wird sie dort finden können und der wundert sich dann n icht, daß jedes jüdische Hauptfest seine christliche Entsprechung hat: Chanukkah und Weihnachten, Pesach und Ostern und Purim und Fasching. Es ist ein sensibles Lesebuch des Miteinanders, der Verständnisses und der Toleranz, für jüdische Schulkinder gedacht, die ihre Kultur kennenlernen sollen.

Aber es sei hiermit auch allen nichtjüdischen Schülern (und Erwachsenen!) empfohlen, für die Humanität noch ein lebenswertes Prinzip ist.

In der Gruppe der Herausgeber war Doktor David Wasserstein der Initiator der ersten Stunde. Er hat das Erscheinen seines Lesebuches nicht mehr erleben dürfen, aber sein Motto: "Unsere Kinder sollen laufen lernen" ist der Leitstern dieses Buches geworden, das ihm gewidmet ist.




Magazin zum Wochenende, Beilage des FT Nr. 210, 11. September 1999, 54 Jahrgang Nr. 36.





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